Winter 2023
Gedanken und Gedichte zum Winter und zum Bleiben
Wintertraum
Der Handschuh
lag im Schnee
verloren
von einem Kind beim Spiel
Und die Finger
verstreut am Ufer
und meine Blicke
hinaus ins Leere
Es taut bald
aber das Kind
weiss es nicht
Und friert
und fliegt
engelsgleich über den See
Bis ich erwache

Vom Warten …
Eine Kindheitserinnerung: am Heiligabend musste ich einen Mittagsschlaf machen, um am Abend für Heidi und der Geissenpeter wachbleiben zu dürfen. Aber ich wollte und konnte nicht einschlafen vor Aufregung, und die Zeit zog sich quälend lange dahin. Ich hatte ja schon 4 Wochen ungeduldig auf diesen Abend gewartet – und auf den Film.
Vor kurzem, Anfang November in irgendeinem Starbucks: Weihnachtsmusik schallt aus den Boxen und freundliches Personal hinter der Theke mit Weihnachtsmützen fragt mich nach meinem Wunsch. Draussen hatte es milde 15 Grad. Immerhin müssen die Osterhasen warten, bis Weihnachten vorbei ist, dachte ich. „Warten lernen wir gewöhnlich dann, wenn wir nichts mehr zu erwarten haben“, meinte M. L. von Ebner-Eschenbach vor über 100 Jahren.
„Allen, die die Tage zählen, bis…“ widmet Kathy Zarnegin ihr kleines Buch „Exerzitien des Wartens“, in dem sie in kurzen miniaturistischen Texten persönliche Wartezeiten beschreibt – noch vor der global gedrückten Pause-Taste durch den Lockdown 2020.
„Durch Warten wird die Gegenwart aufgewertet. Sie wird zur empfundenen Zeit, zur überschäumenden Zeit“, beschreibt die Autorin ein Paradox, das wir alle kennen: Gerade dann, wenn wir uns wünschen, dass die Zeit schnell vorbeigeht, zieht sie sich in die Länge. Mit Ritualen des Wartens versuchen wir, sie zu vertreiben: immer wieder aufs Handy schauen, im Wartezimmer beim Arzt in Zeitschriften blättern, die uns eigentlich gar nicht interessieren. Ja, das Nichtstun(-können oder -dürfen) ist uns zutiefst unangenehm, während wir uns in Stressphasen nach Zeit fürs Dolce far niente sehnen. Dabei tut es gut, immer wieder mal einen Stopp einzulegen, nichts zu tun, einfach den Augenblick wahrnehmen oder den Himmel betrachten…
Halt auf Verlangen
Wir sind
durch das Leben gesaust
haben Landschaften gestreift
Menschen nur kurz berührt
und Dinge angestossen
um sie dann
ihrem Lauf zu überlassen.
Wir haben
auf der Überholspur
Merkwürdiges vergessen
Liebgewonnenes verloren
und Augenblicke verpasst
Wir wollten
alles erleben
in kurzer Zeit
überschweigen
übertrinken
und überrennen
und uns aneinanderklammern
in der Angst
vor dem Stillstand
zwischen uns
Jetzt ist meine Uhr
tatsächlich
stehengeblieben
verloren
in der Zeit
Ich möchte
an einer Haltestelle
wieder einmal
Gras wachsen sehen
und unsere Liebe
auch.
Ich lese barfuss
die Kieselsteine am Meer
in Blindenschrift,
höre im Schweigen
die Herztöne des Universums,
suche in deinen Briefen
letzte Spuren von Vertrauen
zwischen den Zeilen.
Ich bin Kind geblieben
der Phantasie
noch nicht gestorben.
Ich bin
noch immer.
Aus: Wolfgang Weigand, Unentwegt
Königshausen & Neumann, Würzburg 2022
Schon 1990 hat sich Paolo Virilio als «Denker der Geschwindigkeit» in seinem Klassiker «Rasender Stillstand» mit der Beschleunigung der Realität kritisch auseinandergesetzt. Er befürchtet einen Fall der Menschheit in die Ohnmacht durch eben diesen technischen Fortschritt, der die Erde vermeintlich immer grösser und den Horizont erweiternd wirken lässt, in der Realität aber vielmehr schrumpft. Denn obwohl die Erde ohne Grenzen scheint, ist ihr Raum endlich. Wir können also nicht «ewig lang» einfach so «weiterrasen»…
… und Bleiben
Vielleicht ist es wichtig, all dem, was «rasend schnell vergeht» und flüchtig ist, einen Gegenpol zu setzen: das Bleibende.
Es wäre schön, wenn noch was bleibt von mir, wenn ich nicht mehr da bin. Das sagte mir vor wenigen Wochen eine ältere Dame in einem Gespräch, in dem es um Vorbereitungen für ihren eigenen Abschied ging. Dabei blickte sie aus dem Fenster. Fallendes Herbstlaub draussen, Verwirrspiel im Wind, wolkenverhangener Himmel.
Was bleibt
Die Menschen,
die bei der Geburt
dabei waren,
leben meist
beim eigenen Sterben
nicht mehr.
Und die zuletzt
am Bett wachen,
gab es meist
bei der Geburt
noch nicht.
Es ist also
ein ständiges Kommen
und Gehen.
Kein Wunder,
dass die Sehnsucht
nach dem Bleibenden
so gross ist,
sogar über den Tod
hinaus.
Aus: Wolfgang Weigand, Unentwegt
Königshausen & Neumann, Würzburg 2022
Wir haben auch in diesem fast vergangenen Jahr 2023 einiges erlebt, erliebt, durchgestanden, geteilt, gehofft und gebangt, haben uns gefreut, gelacht und geweint. Wir sind uns begegnet, haben uns verzaubern lassen, vielleicht aber auch gelangweilt. Wir sind den Geschehnissen in der Welt mit Fassungslosigkeit und Staunen begegnet, mit träumenden Visionen und zynischem Realismus. Wir haben verengte Meinungskorridore, Polarisierungen und Abgründe erlebt, aber auch viel Miteinander und menschliche Nähe. Wir sind vielleicht durch das Leben gesaust im Multitasking-Modus, aber haben hin und wieder auch still gewartet und einfach durchgeatmet. Wir durften Vergänglichkeit von Ideen, Idolen und oberflächlichen Vergnügungen erleben, aber auch das Bleibende von etwas Wesentlichem.
An Weihnachten feiern wir die Geburt eines Kindes, eines «Erlösers», was auch immer wir mit diesem Begriff verbinden oder erhoffen. Etwas Neues und Wesentliches ist damals auf die Welt gekommen, etwas Neues darf sich immer auch heute, unter uns, in uns, ereignen.
Ich wünsche Dir, Euch und Ihnen unbeschwerte, leichte, ehrliche und wertvolle Momente an den Weihnachtstagen. Inspirierendes, Beglückendes, stille Augenblicke, nährende Begegnungen und viel Zuversicht für das neue Jahr. Und immer wieder: Momente des Innehaltens, damit das bleiben kann, was wertvoll ist.