WINTER 2024
Über das neue Jahr, Freiheit und Winterschlaf

Die Festtage sind vorbei. Wir haben gefeiert, sind uns begegnet, haben die besonderen Tage von Weihnachten und Silvester mit allen möglichen Menschen, Erwartungen, familiären Themen, Hoffnungen und gewohnten Ritualen verbracht. Es war wie immer, oder vielleicht auch mal ganz anders. Es lebte die Sehnsucht nach dem Schönen und dem Dazugehören. Wir haben uns frei gefühlt oder auch mal eingeengt. Und jetzt kommen wir langsam im neuen Jahr 2025 an. Was es uns wohl bringen wird? Und was könnte ich dazu beitragen, dass es anders werden darf?
Die 5 Freiheiten nach Virginia Satir
Ich bin vor kurzem auf die fünf Freiheiten der Familientherapeutin Virginia Satir gestossen. Sie haben mich dazu inspiriert nachzudenken, welche Gestaltungsmöglichkeiten ich wahrnehmen kann. Diese Freiheiten sind:
1. Die Freiheit zu sehen und zu hören, was im Moment wirklich da ist, anstatt was sein sollte, gewesen ist oder erst sein wird.
2. Die Freiheit das auszusprechen, was ich wirklich fühle und denke, und nicht das, was von mir erwartet wird.
3. Die Freiheit zu meinen Gefühlen zu stehen, und nicht etwas anderes vorzutäuschen.
4. Die Freiheit um das zu bitten, was ich brauche, anstatt immer erst auf Erlaubnis zu warten.
5. Die Freiheit in eigener Verantwortung Risiken einzugehen, anstatt immer nur auf Nummer sicher zu gehen und nichts Neues zu wagen.
Was wir sehen können oder sollen
Schon die erste Freiheit ist eine Einladung, immer wieder den Augenblick im Hier und Jetzt zu leben, aber auch zu unterscheiden, was ist und was sein sollte. Und was sein sollte, erzählten uns oft alte Lebensmuster – oder, im politischen Kontext, auch vermeintliche Autoritäten oder Mainstream-Narrative. Es ist eine banale und doch so richtige Lebensweisheit: je mehr wir unserer Intuition vertrauen und auf die Stimme des Herzens hören, umso weniger anfällig sind wir für Verengungen und Manipulationen.
Warum erzähle ich das?
Die weltweit 10 grössten Nachrichtenagenturen (von denen die Deutsche Presseagentur dpa eine ist), bestimmen, je nach Geldgeber und deren Interessen, was wir hier in der kleinen Schweiz oder in Deutschland überhaupt zu sehen bekommen und was wir somit über die Welt(lage) denken sollen. Was, wie und in welchem Sinn berichtet wird, welche ökonomische und militärische Interessen zum Beispiel in Krisenherden verfolgt werden, ist uns meist nicht bekannt. Wir dürfen aber davon ausgehen: was in einer 15minütigen Tagesschau gezeigt wird, ist eine Auswahl von News, die nicht zufällig getroffen wird.
Wintertraum
Die Tage werden kürzer,
der Atem auch.
Unruhig
den Winter erwarten
und dann
irgendwann alles
mit Schnee bedecken
und vergessen
wer wir uns
geworden sind.
Bis es uns
zur Schneeschmelze
wieder einfällt.
-- Wolfgang Weigand
Freiheit der offenen Gesellschaft
Aber vielleicht lohnt es doch, sich die Freiheit zu nehmen, immer wieder das Unmögliche zu versuchen? Manchmal reicht eine kleine kritische, mitdenkende, offene, differenziert denkende Minderheit schon aus, um einen Prozess des Nachdenkens zu ermöglichen. In welcher Welt, in welcher Gesellschaft wollen wir leben? Was bedeuten Solidarität, Meinungsfreiheit, Demokratie, Frieden, Mitgefühl wirklich? Sind wir bereit zu einem echten Diskurs, der immer davon ausgehen muss, dass der oder die Andere grundsätzlich auch recht haben könnte. Lebt eine offene freie Gesellschaft nicht gar im Sinne Voltaire’s: «Ich teile Ihre Meinung nicht, aber ich würde mein Leben dafür einsetzen, dass Sie sie äussern dürfen» – ich möchte ergänzen: ohne Angst davor, diskriminiert oder in irgendeine politische Ecke gedrückt zu werden?
Ein gesunder Winterschlaf
Für die Zeit bis dahin können wir im Sinne eines gesunden Winterschlafes nutzen. In der Natur ist damit die Herabsetzung der Stoffwechselaktivität gemeint als wirksamste Methode, um Energie zu sparen in Zeiten von strenger Witterung oder Nahrungsknappheit. In der spirituellen Dimension geben wir durch bewusste Ruhe und Einkehr Raum für neue Erkenntnisse, für notwendige Veränderungen im Leben, für das Aufgleisen neuer Wege und Begegnungen. Der Winterschlaf ist ein willkommener und gesunder Unterbruch des Lebens, das wir normalerweise führen: aktiv, medial permanent beschallt, immer auf Achse, auf der Suche nach Anerkennung, im Wettbewerb mit anderen oder mit sich selber.
«Nicht was wir erleben, sondern wie wir empfinden, was wir erleben, macht unser Schicksal aus». Marie Louise von Ebner-Eschenbach sagte das vor über 100 Jahren. Es ist noch immer aktuell: Entscheidend ist die Brille, durch die wir interpretieren und sehen, wie wir die Dinge einordnen, «framen» und an uns heranlassen. Entscheidend ist, was wir leben möchten, möglichst nahe an dem, wie wir wirklich sein könnten, wie wir unserer Intuition vertrauen, und wie aufmerksam wir sind für das, was uns wirklich umgibt.
Unmögliches versuchen
Den Asphalt durchbrechen
wie ein Löwenzahn
Den Fluss an der Mündung
vom Ozean trennen
Die Sterne am Himmel zählen
und die Sandkörner der Wüste.
Ich will
Unmögliches versuchen
und dich
in meinem Herzen tragen,
solange ich atme.
-- Wolfgang Weigand
Lasst uns 2025 immer wieder den Mut finden, Unmögliches zu versuchen. Lasst uns zugleich behutsam sein im Umgang mit uns selber, mit anderen Meinungen und Menschen, weil sie uns immer auch etwas spiegeln – und weil sie eben immer auch recht haben könnten! Freuen wir uns auf den Frühling, wenn wir, gestärkt und erholt vom Winterschlaf, wieder neu ins Leben eintauchen und auch mal Unkonventionelles wagen dürfen!